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Woyzeck K3-Projekt-Eliten

Wir quizzen uns zu Tode

k3 1Medien besitzen aktuell eine Kernfunktion in unseren demokratischen Gesellschaften. Massenmedien wie Presse, Radio, Fernsehen und Internet leisten einen unverzichtbaren Beitrag zum Funktionieren der Demokratie und erfüllen neben der Informations- auch noch meinungsbildende und Kontrollfunktionen. Soweit die Theorie. Wie aber sieht die Praxis aus? Werden die Medien diesem Anspruch überhaupt noch gerecht? Werden sie nicht immer mehr zu willfährigen Gehilfen marktorientierter Monopolisten wie Facebook, Google und Amazon. Welche Rolle spielen Schlagworte wie Mainstreammedien, Fake News oder Medien des Establishments? Was bedeutet die diffamierende Bezeichnung „Lügenpresse“ die nicht nur die Ultra-Rechten auf Demonstrationen skandieren? Warum wehren sich Jugendliche gegen Uploadfilter? Die Fragen kann man kontrovers diskutieren, sie münden aber alle in einer wesentlichen: Wie wollen wir in unserer Gesellschaft miteinander umgehen, zusammenleben?

In der Clemens-Brentano-Europaschule sind die Schüler*innen in ihrem K3-Projekt auch dieser Frage nachgegangen. Unter der Leitung und auf Initiative von Britt Grunwaldt hatten sich die „Kulturschaffenden“ an der Clemens-Brentano-Europaschule zu diesem innovativen Projekt zusammengeschlossen, um den Schüler*innen neue Einblicke in die Unterrichtsfächer Darstellendes Spiel, Musik und Kunst zu gewähren und ihnen die Möglichkeit zu bieten zumindest eine dieser Kunstformen auszuwählen und bis zum Abitur zu belegen, um sich dann auch in diesem Fach prüfen zu lassen.

         

Ausgehend von Büchners „Woyzeck“ haben sich zuerst alle Kunstformen mit dem Begriff der Kultur auseinandergesetzt.

Was ist Kultur überhaupt, was die viel zitierte sogenannte „abendländische Kultur“? Herkömmliche Definitionen besagen, dass Kultur die Gesamtheit aller geschaffenen, charakteristischen, geistigen, künstlerischen und gestalteten Leistungen einer bestimmten Gemeinschaft sind, die auf einem bestimmten Gebiet, während einer bestimmten Epoche erbracht wurden. Reduziert man die abendländische Kultur, wie dies Rückwärtsgewandte häufig tun, auf folkloristische Momente, so spricht man zwar bildungsferne Schichten an, die autoritäre Systeme denen demokratischer vorziehen, wird aber dem eigentlichen kulturellen Auftrag nicht mehr gerecht.

Kommen wir wieder zum konkreten Thema zurück:

Der „Woyzeck“ war für uns der Anlass um über „Eliten“ im erweiterten Sinne nachzudenken. Sieht man einmal von der persönlichen Ebene der Liebesbeziehung zu Marie ab, so waren es doch gerade die Eliten, die ihn, Woyzeck, ins Verderben gestürzt hatten. Ob der Hauptmann, der nach Meier im Woyzeck „hauptsächlich als Vertreter einer ganzen Gesellschaftsschicht und eines überlebten Herrschaftssystems - des Feudalismus - fungiert. Dieser befand sich zur Zeit Büchners, etwa 1820, zur Zeit des deutschen Vormärz, in einer Art Verteidigungsstellung. Nachdem mit dem Zeitalter der Aufklärung die hauptsächliche Legitimationsquelle des Feudalismus, die christliche Religion, zunehmend geschwächt wurde, mussten sich die Machthaber mehr und mehr auf das Militär stützen, um ihre Herrschaft aufrechtzuerhalten und um soziale Unruhen in der Bevölkerung zu unterdrücken. Darum wurde die Führungsschicht der Armee mehrheitlich mit konservativen, meistens dem niederen Adel entstammenden Männern, wie dem Hauptmann, besetzt“. Aber auch der Arzt, im Stück der Doktor, benutzt Woyzeck zu makabren medizinischen Menschenversuchen.

Es scheint so, dass alle, die man als Vorgesetzte, als Honoratioren oder als die Gebildeten bezeichnen würde, mit ihm, Woyzeck „spielen“, ihn ausnutzen, ihn hintergehen, ihn manipulieren, sie schieben ihn scheinbar wie einen Bauern im Schachspiel hin und her und wenn es opportun ist, opfern sie ihn zu Gunsten ihrer eigenen Interessen.

Im übertragenen Sinne könnte Woyzeck aber auch für uns, für das „Volk“ stehen. Dann könnte man den Rückschluss ziehen, dass unsere „Eliten“ mit uns „spielen“ und eigentlich nur ihre eigenen Interessen durchsetzen wollen.

Der „Woyzeck“ war also die literarische Grundlage und somit auch der Impulsgeber für die dramaturgische, musikalische und künstlerische Arbeit zum K3-Projekt. Die Theatergruppe um Britt Grunwaldt bearbeitete dazu einzelne Szenen mit unterschiedlichen Theaterformen, wie  dem epischen Theater oder auch mit biografischen und dokumentarischen Elementen. Es ging nicht darum den „Woyzeck“ perfekt zu inszenieren, sondern das Stück mit der Lebens- und Erfahrungswelt der Schüler*innen zu verbinden, indem aktuelle gesellschaftliche Probleme aufgegriffen und mit einbezogen wurden. So wurden die Macht der Medien, soziale Ungerechtigkeit, Chancengleichheit, medizinische Ethik, der Optimierungsdrang der Leistungsgesellschaft, die Gentechnik, der Dieselskandal, der Klimawandel,  Korruption, und eine neue Form des „Ablasshandels“ sowie der Umgang mit Menschen mit Behinderung propagiert. In der dramaturgisch-künstlerischen Auseinandersetzung vermischten sich originale Textstellen, mit persönlichen Texten und ausgewählten Beiträgen aus realen Informationstexten. Am Ende entstand eine abwechslungs- und temporeiche Szenen – Collage, die die Zuschauer der 10. Jahrgangsstufe auf eine ganz spezielle Reise durch die Perspektiven ihrer Mitschüler*innen mitnahm. Auch so kann man klassische Literatur vermitteln. Die Verknüpfung, die die Theatergruppe von Britt Grunwaldt zur aktuellen politischen und gesellschaftlichen Situation in kurzen, treffenden gespielten Sequenzen herstellte war überzeugend.

k3 3Den gleichen Maßstab legten die Musiker unter der Leitung von Katrin Burian und ihrem Kollegen an ihre Arbeit an, als sie die einzelnen Szenen mit außergewöhnlichen musikalischen Klangwelten begleiteten. Ausgehend von der Grundstimmung und denen im fragmentarischen Drama vorhandenen Emotionen komponierten sie eigenständig kurze Musikstücke, die wie auditive Collagen wirkten. Dabei nutzten sie eine große Vielfalt an Instrumenten, mit denen sie die individuellen Klangwelten kreierten. Titel wie „Irre“, „Militärisch“ oder „Lustig“ transportierten die atmosphärische Stimmung auf die Ebene der Pflichtlektüre. Diese insgesamt sechs Stücke wurden dann als Kontrapunkt oder als verstärkendes Element zwischen die Szenen des Darstellenden Spiels gesetzt. Der Zuhörer fühlte sich durch die speziellen tonalen Elemente an Arnold Schönberg erinnert.

Der Kunstbereich hatte sich mit einer Vielzahl von Problemen beschäftigt, die wesentliche gesellschaftliche Aspekte aufgriff: Die Medien als Machtinstrument, die Medizin als „Halbgötter in Weiß“, Doping im Sport, dem Schönheitswahn, dem militärisch industriellen Komplex, den Uploadfiltern (§ 13 der EU zum Schutz von geistigen Eigentum), dem Klimawandel, dem Charity-Gedanken des Adels und der Superreichen, um nur einige wenige zu nennen. Man konnte besonders gut erkennen, dass die dramaturgischen Elemente der Theatergruppe mit den inhaltlichen Aspekten der bildenden Künstler fast deckungsgleich waren, was uns aber auch nicht überraschte. Wichtig erschien es allen Künstlern auch, dass man sich kein dumpfes Elitenbashing, wie von der Rechten vorgelebt, zu eigen machte, sondern eine Kritikform wählte, die zwar plakativ, aber auch konstruktiv war. 

Die Künste konnten mit einer Vielzahl von „Hand-made-Ideen“ aufwarten und durch den gemeinsamen Auftritt die Wirkung auf das Publikum noch intensivieren. Britt Grunwaldt formulierte es so: „Die Veranstaltung mit der Vorstellung der drei Künste war ausdrucksstark, kritisch und pointiert“. 

„Erfolg muss man sich erst einmal erarbeiten. Hier ist den Fachbereichen Darstellendes Spiel, Musik und Kunst ein eindrucksvolles Projekt gelungen, das wir sicherlich in Zukunft fortführen werden“, meinte Andrej Keller, der Direktor der Clemens-Brentano-Europaschule am Rande der Veranstaltung in der neuen Aula der Schule.

Es ist geplant zumindest die Aktion mit den szenischen Collagen zum Sommerfest oder in der Projektwoche einem größeren Publikum vorzustellen.

Michael Kühn und Britt Grunwaldt im Mai 2019

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